Archiv für den Monat Januar 2013

Genau das Gegenteil?

Morgen möchte einer meiner Schüler ein Referat halten über eine Deutschrock-Gruppe namens Frei.Wild (http://de.wikipedia.org/wiki/Frei.Wild). Ich kannte die Gruppe bis vor ein paar Tagen überhaupt nicht, auch sonst habe ich mich bisher noch sehr wenig mit dem Phänomen „Deutschrock“ auseinandergesetzt, ich erhebe also nicht den Anspruch, ein Szenekenner zu sein. Der Schüler, der sich das Thema selbst ausgesucht hat, erzählte mir beim Vorgespräch zu seinem Referat ein paar Details. Zum Beispiel, dass die Band oft in die rechtsextreme Schiene eingeordnet würde, was aber gar nicht stimme, denn sie distanziere sich sehr deutlich von Extremismus und Nationalismus.

Aha. Das klang irgendwie komisch: Eine Band, die sich offensichtlich darüber definiert, was sie nicht ist, obwohl alle behaupten, sie sei es. Ein bisschen verwirrend, dieses Vorgehen passt meiner Einschätzung nach aber perfekt zu einer Band, die versucht, sich in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren, um von dort aus Stück für Stück nach rechts zu treiben. Und die vorher gewonnenen Fans gehen vermutlich einfach mit, eignen sich das Gedankengut weiterhin an und verbreiten es. Auf diese Weise könnte der Nationalismus so hoffähig gemacht werden, dass er letzten Endes dem Extremismus irgendwann einmal wie selbstverständlich die Türen öffnen könnte.

Klingt drastisch, gell? Ich denke dennoch, dass es zutreffend ist. In dem Film „Dante's Peak“ gibt es ein schönes Zitat: „Setzt man einen Frosch in kochendes Wasser, springt er sofort heraus. Setzt man ihn in kaltes Wasser und erhitzt es langsam, wird er so lange sitzen bleiben, bis er darin stirbt.“ (Paraphrase, ich habe jetzt nicht extra den Film angemacht, um das genaue Zitat zu notieren…)

Genauso ist es hier doch auch: Die Fans gewöhnen sich an die markigen Sprüche, an die einfache, stark auf die gewollte Thematik reduzierte Weltsicht (mit den typischen Parolen: „Wir sind gut, die anderen sind böse.“ — „Die da oben/das System gegen uns.“ — „Wir sind wenige, die sich gegen die Übermacht der Andersdenkenden verteidigen müssen.“). Am Anfang sind die Sprüche noch weitgehend unverfänglich, haben allenfalls ein „Geschmäckle“, sind auf jeden Fall zu vage, um sie gleich als extremistisch abzutun. Doch dann gewöhnt man sich an diesen Tonfall. Dann wird eins draufgelegt, wieder gewöhnt man sich (als treuer Fan!) an diesen Tonfall — und so weiter.

Treibt man das Spiel ein paar Alben und/oder ein paar Jahre weiter, werden die Sprüche sicher noch eindeutiger, kräftiger und fordernder. Stiege man erst jetzt ein, würde man gleich rufen: „Was für eine Nazi-Kacke ist denn das?“ Nicht so jene, die dann schon seit einigen Jahren an diese Art der Sprache gewöhnt sind. Und genau da kommt das Zitat mit dem Frosch wieder ins Spiel. Im Moment bleibt die Band noch (weitgehend) in der Grauzone, die meisten Sprüche kann man nicht so eindeutig als nationalistisch einordnen (auch wenn für mich die Tendenzen eindeutig erkennbar sind). Was in zwei Jahren, in fünf, in zehn? Werden sie dann immer noch so halbseiden klingen?

Wer sich einen guten Eindruck verschaffen will, dem empfehle ich den Song „Wahre Werte“ (schon der Titel hat für mich ein „Geschmäckle“), das Video ist auf YouTube unter der folgenden Adresse zu finden: http://m.youtube.com/watch?v=Ki_D9JjmdzE (es wurde anscheinend von der Band selbst eingestellt).

Zum Glück verlinkt YouTube gleich daneben ein weiteres Video, eine kritische Reportage des NDR über Frei.Wild und das von ihr propagierte Gedankengut, das von den Fans der Band gleich einmal als Hetzbericht stigmatisiert wurde. Darin werden ähnliche Fragen aufgeworfen, ähnliche Parallelen aufgezeigt, wie ich es in den Absätzen oben versucht habe: http://m.youtube.com/watch?v=kpc6ujWpgbk&feature=related — ich halte den Bericht für weitgehend gelungen, da er Argumente für beide Seiten aufzeigt und die schleichende Gefahr zur Sprache bringt, die auch ich empfinde (s.o.).

Es ist sicher eine absolute Gratwanderung, die die Band unternimmt, für mich überschreiten sie die Grenze eindeutig, für andere vermutlich (noch) nicht. Es hat mich jetzt ein paar Tage beschäftigt, daher mussten diese Zeile mal geschrieben werden. Mal sehen, was in der Stunde morgen daraus wird. Sollte es spannende Details geben, kann ich ja berichten. Noch spannender ist es vermutlich, in zwei Jahren noch einmal nachzusehen, wie sich die Band entwickelt hat, wo sie sich dann positioniert.

 

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Selbst schuld!

Ich habe gerade eine absolute Horror-Woche hinter mir, in der ich satte 12 Klassenarbeiten korrigiert habe. Genauer gesagt: Die Klassenarbeiten von 12 unterschiedlichen Klassen von ca. 25 Schülern pro Klasse. Lustigerweise darf ich gar nicht motzen über den damit verbundenen — horrenden — Arbeitsaufwand, denn dass es so geballt kam, war einzig und allein meine eigene Schuld!

Mit Beginn des Schuljahres habe ich an einer neuen Schule meine Arbeit aufgenommen, worüber ich sehr froh bin. Bedingt durch die vielen neuen Umstände habe ich das Eintragen der Klassenarbeiten sehr — nein, zu — lange hinausgezögert. Und als es dann endlich soweit war, dass ich mit meinem iPad in der Hand vor dem riesigen Plan im Lehrerzimmer stand, waren nur noch Termine nach den Weihnachtsferien frei. Da am 25. Januar Notenschluss war, setzte ich mich mit den Klassenarbeits-Terminen zwischen dem 7. und dem 11. Januar einem dezenten Korrekturzeitdruck aus.

Auf der anderen Seite muss ich nun aber auch sagen: Besonders schlimm war es eigentlich nicht, die zeitliche Nähe der vielen Korrekturen führte teilweise zu einer enorm erhöhten Geschwindigkeit beim Korrigieren, mein Blick für die feinen Details wurde teils extrem geschärft, gerade was die besonders guten und die besonders schlechten Arbeiten anging. Das sind nicht zu vernachlässigende Elemente, die man in die Waage werfen muss, wenn es an die anstehende Entscheidung — „Alle auf einmal“ oder „Eine nach der anderen“? — geht.

Dennoch, ich habe mich entschlossen: Im zweiten Halbjahr, das mit der ersten vollen Februarwoche beginnt, werde ich mir verteilte Termine für die anstehenden 17 Klassenarbeiten suchen. Sonst müssen zu viele Elemente des Alltags liegen bleiben, die Tage werden zu lang (und die Nächte zu kurz) — das macht einfach zu wenig Spaß!

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Für ein schwierigeres Abitur

So, gleich mit dem ersten neuen Artikel möchte ich mich etwas unbeliebt machen: Ich fordere ein deutlich schwierigeres Abitur. In der Folge werden zwangsläufig weniger Schüler das Abitur schaffen. Diejenigen, die es schaffen, werden aber mit einer gehörigen Portion Stolz auf „ihr Abitur“ verweisen.

Meine Forderung entspricht nicht dem politischen Willen der Jetzt-Zeit — und auch nicht dem der letzten 15 Jahre. Denn was in diesen letzten Jahren mit dem Abitur angestellt wurde, ist eindeutig politisch gewollt, sorgt aber nur für eine stetige Entwertung dieses einst exklusiven Schulabschlusses. Viele Gymnasiallehrer beklagen seit Jahren, dass der politisch durchgesetzte Wille, mehr Schüler zum Abitur zu führen, nicht etwa durch eine Bildungsintensivierung herbeigeführt wird. Es geht immer nur über eine Vereinfachung der Bedingungen.

Ein Beispiel: Ich bin nun seit zehn Jahren Lehrer (ich bin großzügig und zähle mein Referendariat, das im Februar 2003 begann, einfach mit dazu). In dieser Zeit wurde die Zahl der möglichen Kurse mit Unterpunktung (also einer Semesterleistung von weniger als fünf Punkten) heraufgesetzt. Früher hieß es: Fünf Kurse unter fünf Punkten: Kein Abitur mehr möglich. Vielen Dank für's Mitspielen. Tschüss! Heute heißt es: Na ja, sehen wir mal, ob der Kollege nicht noch einen Punkt springen lässt (live gehört im Lehrerzimmer). Noch dazu ist die Zahl ja schon auf acht erweitert worden. Noch ein paar Jahre und es sind zehn. Noch ein paar Jahre und man kann unbegrenzt unterpunkten. Wen kümmert's, Hauptsache ist doch, man bekommt (irgend) ein Abitur, um die Statistik zu erfüllen. Deutschland muss mehr Abiturienten hervorbringen. Das ist die politische Absicht.

Früher ging mit den scharfen Abiturregeln eine gewisse (und nicht zu unterschätzende) Exklusivität einher, die hieß: Wer ein Abitur hat, ist allgemein gebildet. Er (natürlich ist damit auch „sie“ gemeint) hat in allen belegten Fächern seine Leistungen erbringen müssen. Maximal fünf einzelne Halbjahresleistungen wurden als ausreichend (oder schlechter), keine einzige mit ungenügend bewertet.

Das schaffte damals (und schafft auch heute) nicht jeder. Deshalb war das Abitur wertvoll, exklusiv, angesehen.

Seit ein paar Jahren wird nun versucht, den Prozentsatz der Abiturienten zu steigern. Es geht nur um den Prozentsatz, mit dem sich Deutschland international brüsten will (das meinte ich oben mit der Statistik). Das anvisierte Ziel ist ehrgeizig, eigentlich kaum zu schaffen. Um den Weg dahin nicht auf die „harte Tour“ — also mit einer heftigen (und sehr teuren) Leistungsoffensive in der gesamten Bildungslandschaft — machen zu müssen, geht man den Weg des geringsten Widerstandes: Man macht einfach das Abitur leichter. So lässt sich das Ziel („mehr Abiturienten“) leichter und schneller erreichen. Gleichzeitig aber ist das erleichterte Abitur (im Volksmund auch „Turbo-Abi“ genannt) aber auch weniger wert.

Ich bin ja nun kein rückwärts gewandter Mensch, für den „früher alles besser“ war. Aber in diesem Fall muss ich sagen, dass ich eine eindeutige Fehlentwicklung sehe. Das Abitur muss meiner Ansicht nach dringend wieder schwieriger werden. Denn nur so kann es wieder zu einem Alleinstellungsmerkmal werden.

Die Suche nach einem Weg, der insgesamt auf „gesunde Weise“ mehr Abiturienten hervorbringen kann, ist eigentlich abgeschlossen. Aber er braucht Zeit, zwölf oder dreizehn Jahre mindestens. Zu viel für Politiker, die in Legislaturperioden denken. Außerdem wird so ein Konzept teuer. Denn das Erfolgsrezept sind die folgenden Eckpunkte: kleine Klassen, gut ausgebildete Lehrer, gute Ausstattung in den Schulen. Das gibt's halt nicht für nichts. Und deswegen wird immer der leichte Weg gegangen. Und deswegen wird es dann halt auch nichts. Schade auch.

 

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Intervall

Mein letzter Blogeintrag war im Frühsommer 2012 — also vor einigen Monaten. Der Grund für die schreiberische Absenz (und Abstinenz) war einfach: Die Hemmschwelle, wieder einen langen und ausgefeilten Artikel zu schreiben (der Gedanke war eher: schreiben zu müssen), war so hoch, dass ich es nie angepackt habe.

Twitter war da bequemer und schneller. Und durch das 140 Zeichen-Limit gibt es da praktisch keine Hemmschwelle. Ich muss weder auf dem Mac noch auf dem iPad irgendeine App öffnen, da Twitter systemweit integriert ist. Es geht also sehr schnell. Und deswegen habe ich es häufig und gern getan. Noch dazu ist Twitter interaktiv, da man ohne Zeitverzögerung Antworten auf eingehende Tweets schreiben oder erhalten kann. Bei einem Blog passiert so etwas recht selten, vor allem, wenn man — wie ich — die Kommentarfunktion deaktiviert hat…

Nun möchte ich meinen Blog aber unbedingt wieder zum Leben erwecken. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass er von vielen Leuten gelesen wird, dennoch ist es ein Mittel für mich, meine Gedanken auszudrücken — und dann kann ich sie einfach beiseite legen und als erledigt betrachten. Der persönliche Blog ist also so etwas wie eine öffentliche Version eines Tagebuchs. Nur eben nicht mit der privaten Tiefe, die im Rahmen eines Tagebuchs ja durchaus schonungslos sein kann und muss, damit sie ihren Zweck erfüllt (da kommt mir schon wieder eine Idee für einen Blog-Artikel…).

Um die Hemmschwelle zu senken, habe ich nun also beschlossen, in Zukunft gern auch kürzere und weniger ausgefeilte Artikel einzustellen, aber dafür häufiger. Mein Vorhaben ist es, jeden Monat mindestens einen Artikel zu posten, wenn möglich auch gerne noch mehr. Ich sitze schon an einem neuen Artikel, der im Verlauf dieses Wochenendes fertig werden sollte. Ideen habe ich einige, es könnte also in den kommenden Wochen etwas bewegter werden.

Bis bald!

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