Archiv für den Monat Mai 2012

Henry Wilt

Vor vielen Jahren (ich schätze zu Beginn der 1990er Jahre) sah ich zum ersten Mal den Film „Puppenmord”, eine Verfilmung des Romans „Wilt” (die deutsche Übersetzung heißt auch „Puppenmord“) von Tom Sharpe. Obwohl die Handlung fürchterlich überzogen daherkommt, die Charaktere gnadenlos überzeichnet und der gute Geschmack quasi permanent unterschritten wurden, mochte ich den Film von Anfang an. Dabei fällt es mir in diesem Fall nicht ganz leicht, den Finger darauf zu legen, was den Ausschlag dafür gab. Vielleicht ist es ja die Handlung…

„Wilt“ – Die Handlung

Henry Wilt ist Lehrer an einer Berufsschule im fiktiven schottischen Städtchen Ipford, wo er seit ca. 10 Jahren immer die gleichen Kurse in Allgemeinbildung für Gipser, Fleischer, Sekretärinnen etc. gibt. Seit zwölf Jahren ist er mit Eva verheiratet, die nicht allzu hell im Kopf, dafür aber sofort Feuer und Flamme für jede neue Idee ist, die ihr ein Floh ins Ohr setzt. Gleich zu Beginn des Buchs lernt Eva eine Amerikanerin, Sally Pringsheim, bei einem Volkshochschulkurs kennen, die sich sehr gut in Szene zu setzen weiß. Binnen Sekunden hat sie mit ein paar Sprüchen Eva völlig in ihren Bann geschlagen – das Unheil nimmt seinen Lauf.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemandem klar sein kann: Sally ist zwar verheiratet, dies ist aber nur Tarnung, denn eigentlich ist sie eine ziemlich nymphomanisch veranlagte und außerordentlich aggressiv vorgehende Lesbe. In der treudoofen Eva sieht sie ein ideales neues Opfer für ihre Avancen. Gekonnt wickelt sie sie daher über die folgenden Tage ein. Bei jedem Treffen redet sie schlecht über alle Männer, unterstellt vor allem aber Evas Mann Henry die kuriosesten Eigenschaften (ohne ihn je gesehen bzw. mit ihm gesprochen zu haben). In den Gesprächen zuhause merkt Henry natürlich, dass Eva wieder einmal dabei ist, völlig in einer kurzzeitigen Schnapsidee aufzugehen. Jeder Versuch einer Gegensteuerung durch ihn kommt Eva jedoch wie ein Sakrileg vor.

Bei einer Party, zu der Pringsheims geladen haben, kommt es dann zum völligen Eklat: Sally will Henry vor der versammelten Gesellschaft zum Volltrottel abstempeln und einen unüberwindlichen Keil zwischen ihn und Eva treiben. Sie verpflichtet einige ihrer männlichen Freunde, mit Eva zu flirten, „entführt“ den schon ordentlich betrunkenen Henry in das „Spielzimmer“ ihres Mannes Gaskell, in dem sich unter anderem auch eine aufblasbare Sexpuppe befindet. Urplötzlich wirft sich sich auf den Boden und fordert ihn auf, sie zu nehmen bzw. ihr die Schlüpfer durchzubumsen. Henry, den die gesamte Partygesellschaft angeödet hat, ist von Sally als Person und ihrem unsittlichen Angebot so abgestoßen, dass er sich in seiner Wut und seinem Suff fürchterlich aufregt und in Rage redet. Während er ihr noch lautstark (und lallend) darlegt, wie sehr er sie dafür verachtet, stolpert er und verliert in Folge des Sturzes das Bewusstsein.

Beim Aufwachen merkt er gleich, dass irgend etwas gänzlich falsch ist: Sally hat ihn während der Ohnmacht entkleidet und an die maximal aufgepumpte Sexpuppe gefesselt – und zwar so, dass er es nicht schaffen kann, sich selbst aus dieser Lage zu befreien. Henrys verzweifelte Versuche, aus dieser kompromittierenden Umarmung loszukommen, führen letztlich – wie sollte es auch anders sein? – dazu, dass erst recht alle mitbekommen, dass er an der Puppe hängt. Die Peinlichkeit ist perfekt, Eva ist vor den Kopf gestoßen, Henry geht wie ein geprügelter Hund nach Hause.

In der Folge möchte Sally ihr Komplott noch zum „perfekten“ Abschluss bringen, also überredet sie ihren Mann, zusammen mit ihr und Eva eine Bootstour zu unternehmen. Kurzerhand „borgen“ sie sich eine Jacht und fahren los. Derweil findet Henry daheim die Puppe nebst einer erbosten Nachricht von Eva, die ihm nur mitteilt, dass sie ihm nie verzeihen würde und nun mit Pringsheims wegführe. Das Klopapier ist alle, also benutzt Henry den Zettel nutzbringend – ein gravierender Fehler, wie sich noch herausstellen wird…

Henry ist so verletzt und schlicht außer sich, dass er beschließt, die Puppe (namens „Judy“) als Übungsobjekt für einen in der Zukunft auszuführenden Mord an seiner Frau zu benutzen. Auf dem Gelände seiner Schule wurden gerade zehn Meter tiefe Löcher in die Erde gebohrt, um darin Stützpfeiler für ein neues Gebäude zu verankern. Sie wären der ideale Ort, um eine Leiche für alle Zeiten verschwinden zu lassen.

Mit der Hilfe einer Flasche Gin macht er sich an die Arbeit: Die Sexpuppe erhält Kleidungsstücke von Eva (sogar eine Perücke), es ist Nacht – noch dazu Wochenende, also die ideale Möglichkeit, die erste Mordübung durchzuführen. Doch der durch den Alkohol benebelte Henry stellt sich alles andere als geschickt an. Zuerst trifft er auf einen Nachtwächter, dem er erklären muss, warum er sich in der Nacht von Freitag auf Samstag auf dem Schulgelände herumtreibt. Er wählt den vermeintlich einfachen Weg: vergessene Unterlagen im Lehrerzimmer. Der Nachtwächter ist nett und lässt ihn hinein – doch mit den paar spontan in die Tasche gestopften Zetteln brockt sich Henry erst recht Ärger ein (das stellt sich jedoch erst etwas später heraus)…

Als Henry endlich mit der Puppe an einem der Bohrlöcher ankommt, möchte er eigentlich nur sehen, wie groß die Öffnung ist – und ob sie ausreicht, um eine erwachsene Frau verschwinden zu lassen. Vor lauter Gin stolpert er aber und die Puppe fällt in den Schacht – völlig unerreichbar für ihn. Da sie noch auf halber Höhe hängt, wirft Henry noch ein paar Matschklumpen in den Schacht, was nach einiger Zeit die Puppe tatsächlich ganz auf den Boden befördert, wo sie mit ausgestrecktem Arm und verdrehten Beinen liegen bleibt. Vorerst zufrieden (und durch den Alkohol in seinem Blut ohnehin nicht mehr in der Lage, irgend etwas koordiniert zu vollbringen) belässt Henry die Puppe, wo sie ist, zieht die Abdeckung wieder über den Eingang zum Bohrloch und begibt sich nach Hause.

Am Montag darauf kommt der Zementlaster, um das Bohrloch zu füllen. Just in dem Moment, als der Beton zu fließen beginnt, sieht der Vorarbeiter in den Schacht und entdeckt in der Tiefe eine Frau, die den Arm „hilfesuchend” in die Höhe gereckt hat. Alle Rufe und Gesten zum Einstellen des Gießens gehen im allgemeinen Baustellenlärm unter, der Fahrer des Betonmischers interpretiert die aufgeregten Zappeleien sogar komplett falsch und schüttet, so schnell seine Maschine es eben hergibt. Erst als ca. 20 Tonnen schnell abbindender Zement die Sexpuppe begraben haben, klärt sich der Irrtum auf – zu spät!

Tja, was soll man nun erwarten? Der Vorarbeiter ruft die Polizei und stellt die Sache schön dramatisch dar. Da Henry am Abend zuvor die Abdeckung wieder an ihren Platz gezogen hatte, entsteht schnell der Verdacht, hier sei ein Kapitalverbrechen geschehen. Unglücklicherweise findet Kommissar Flint von der Mordkommission direkt neben dem Bohrloch einige von Henrys Notizen, die ihm in der alkoholschweren Sexpuppen-Entsorgungs-Aktion aus der Tasche gefallen waren. Und schon ist der Verdacht – nein die Gewissheit! – da, den Mörder gefunden zu haben. Alle anderen Optionen werden sofort ausgeschlossen.

Offiziell „hilft“ Henry also nun der Polizei bei ihren Ermittlungen. Anfänglich windet er sich noch wahnsinnig, um die ihm so verleidete Geschichte mit der Sexpuppe nicht preisgeben zu müssen. Doch Flint ist nicht zu stoppen! Er verhört Wilt Tag und Nacht. Obwohl ihm Henry immer und immer wieder die Wahrheit erzählt, ist er nicht zufrieden zu stellen. Dummerweise kann Eva, die ja mit Pringsheims weggefahren ist, nicht als Entlastungszeugin fungieren. Vielmehr bestärkt ihre Abwesenheit Flint in seiner Gewissheit, denn nun „weiß“ er auch, wer am Grunde des Bohrlochs – nun von 20 Tonnen Beton begraben – liegt.

Binnen weniger Stunden steht für Flint auch noch fest, dass Henry nicht nur seine Frau sondern auch gleich noch Herrn und Frau Pringsheim ermordet haben muss, denn die sind auch verschwunden. Die hatten nach der Party so überhaupt keine Lust, ihre völlig ins Chaos gestürzte Bude aufzuräumen – also sieht alles nach einem Schlachtfeld aus. Die Fantasie des Inspektors kommt auf volle Touren. Den Zettel mit Evas Nachricht kann Henry nun natürlich nicht mehr (als Beweis seiner „Unschuld”) präsentieren, also steht es ziemlich schlecht für ihn.

Derweil sind die Pringsheims mit Eva auf der „geborgten“ Jacht unterwegs – bzw. mittlerweile sitzen sie irgendwo in einem Nebenarm eines völlig unbekannten und auf der Karte auch nicht schnell zu identifizierenden Gewässers auf einer Sandbank fest. Sally bemüht sich, Eva Stück für Stück an TT – „Tast-Therapie“ – zu gewöhnen, allerdings sind ihre Erfolge auf diesem Gebiet eher gering. Außerdem zankt sich das Ehepaar Pringsheim immer mehr.

Mittlerweile fehlen Henry etliche Stunden Schlaf, denn die Verhöre ziehen sich über Tage hin. Flint möchte ihn unbedingt zu einem Geständnis bewegen und kündigt an, dass er erst schlafen dürfe, wenn er ein Geständnis gemacht habe. Binnen Minuten hat sich Henry ein perfektes Geständnis ausgedacht und zu Protokoll gegeben. Darin „beichtet“ er, Eva und die Pringsheims ermordet und ihre Leichen anschließend in der Pastetenfabrik „verarbeitet“ zu haben. Bevor Flint einen Blick auf Henrys Unterschrift (etwas wie „Schweinchen Schlau“) werfen kann, hat er schon Tonnen von Pasteten beschlagnahmen lassen, die von etlichen Labortechnikern auf menschliche Überreste hin überprüft werden. Und Henry darf endlich schlafen.

Auf der Jacht verdichten sich die Ereignisse. Gaskell hat nicht nur das Boot auf die Sandbank gesetzt, beim Versuch, von dort wieder wegzukommen, hat er auch noch den Motor geschrottet. Frustriert von Sallys ständigen Sticheleien kommt es bei einer gemeinsamen Partie Scrabble zum Eklat. Gaskell klärt Eva über die „Eigenheiten“ seiner Frau auf: Sie ist eine Lesbe, die Eva nur mitgenommen hat, um mal wieder ein bisschen fummeln zu können. Außerdem habe sie Henry an die Puppe gefesselt, um ihn vor allen Leuten bloßzustellen (wie sonst hätte sich die Puppe je so hartnäckig halten können?). Als Eva das hört, wird sie zur Furie. Sie schnappt sich ein Messer und jagt die Pringsheims quer über die Jacht. Den beiden bleibt nichts anderes übrig, als sich in ihrer Kajüte einzuschließen. Eva nimmt eine Luftmatratze und macht sich – mitten in der Nacht – allein davon.

In der Zwischenzeit hat die Baufirma einen parallel zum Bohrloch verlaufenden neuen Schacht in die Erde gebohrt, die Bergung des „Mordopfers” kann beginnen. Nach etlichen Fehlversuchen gelingt es endlich, die Sexpuppe zu bergen, doch noch während sie am Arm des Kranes baumelt, wird allen klar, dass dies nicht Eva Wilt sein kann. Als ob die Puppe darauf aus wäre, den Armen Flint vollends zu blamieren, krempelt sich das Innere ihrer Kunst-Vagina nach außen und präsentiert sich den bereitwillig wartenden Kameras als „Mega-Ständer”. Ganz klar, jetzt kocht Flint vor Wut, denn die versammelte Presse hält ihn nun für den totalen Volltrottel (und damit liegt sie nicht ganz falsch). Henry hingegen hat seinen Schlaf genossen und ist bereit für die nächste Runde. Flint kann nicht anders: Ihm fehlt das Opfer, also gibt es keinen Beweis für ein Verbrechen. Eigentlich müsste er Henry Wilt nun gehen lassen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt greift der andere Handlungsstrang wieder ein.

Eva ist wieder an Land, im Verlauf des Schwimmens hat sie alle Kleider eingebüßt (merkt man erst hier, dass das Buch von einem Mann geschrieben wurde?). Nun steht sie also splitterfasernackt am Ufer und bemerkt eine Kirche und ein Pfarrhaus, traut sich aber noch nicht in dessen Nähe. Als sie den Pfarrer weggehen sieht, sprintet sie in die Kirche, um sich dort ein Ministrantengewand anzuziehen, doch die Sakristei ist – welch ein Wunder – verschlossen. Also reißt sie sich von der Kirchenwand etwas Efeu ab, um sich zu bedecken. Damit nur unzureichend bekleidet, betritt sie schließlich das Pfarrhaus des schwer alkoholisierten Pastors St. John-Fraude, findet ein Telefon, ruft die Polizei an. Die jedoch teilt ihr mit, dass sie verstorben sei und die blöden Witze lassen solle. Erst nach mehreren Anrufen macht sich ein Polizist die Mühe, Eva einige Fragen zu stellen, deren Antworten nur sehr gut in die Geschichte Eingeweihte wissen können. Schnell stellt sich heraus, dass Eva keine publicitygeile Spinnerin ist. Flint packt also Wilt ins Auto, gemeinsam fahren sie los, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Der Pastor St. John-Fraude erlebt in der Zwischenzeit seinen eigenen Höllentrip… Die Pringsheims haben sich auf dem Boot nach der Eskalation mit Eva immer weiter gestritten. Irgendwann reicht es Gaskell, er offenbart Sally, dass er sich scheiden lassen will. Kurzerhand beschließt Sally, ihren Ehemann auf kreative Weise zu entsorgen: Während er schläft, bereitet sie alles vor, um ihn in seinem Bett mit Wasser aus dem Fluss, auf dem sie gerade gestrandet sind, zu ertränken. Sie schminkt sich, zieht sich einen viel zu knappen Plastik-Bikini an, besteigt Gaskell, weckt ihn auf und lässt das Bett erzittern. Dabei fesselt sie seine Hände zusammen, zieht ihm eine Gummibadekappe über den Kopf, flößt ihm das Flusswasser ein und hält die Kappe zu, um ihn so zu ertränken. Just in diesem Moment platzt der Pastor herein, erblickt das „höllische Treiben” – und flieht gleich wieder. So enttarnt muss Sally von ihrem Gatten lassen, denn dieses Alibi ist gerade geplatzt…

Während Flint und Henry noch auf dem Weg zum Pfarrhaus sind, kehrt der Pastor schon dorthin zurück. Trotz seines ganz gehörigen Alkoholkonsums ist er sich sicher, dass irgend etwas hier nicht stimmen kann: Vor seinem Telefon liegt ein ganzer Efeuzweig, außerdem knarrt und knackt es in seinem Haus, als ob jemand im oberen Stockwerk herumschleiche. Gerade als er sich nach dem Eindringling umsehen will, klingelt das Telefon. Ein Polizist möchte wissen, wo Eva Wilt denn nun sei. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Eva Wilt angeblich ermordet wurde. Das Knarren und Knacken nehmen einen immer bedrohlicheren Charakter an – schnell noch einen Scotch, nur so kann sich der Pastor der Gefahr stellen. Er steigt in den ersten Stock hinauf, findet Eva Wilt, die sich einen Möbelüberzug umgehängt hat und schickt ein Stoßgebet gen Himmel.

Zum Glück treffen Henry und seine Polizeieskorte ein, bevor der arme Pastor vor Schreck tot umfällt. Flint stürmt als erster in den Raum – und wird prompt von Eva k.o. geschlagen. Nur Henry schafft es, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Er zieht sein Jackett aus, hängt es ihr um und führt sie ruhig zum Auto, mit dem sie dann nach Hause fahren.

Als sich nach ein paar Tagen der Staub etwas gelegt hat, erpresst Henry die Schulleitung, die während der letzten Tage natürlich der Presse gegenüber indiskret gewesen war, wodurch er zum Leiter seiner Abteilung „Allgemeinbildung” wird. Eva hat ihren vormals noch so unsteten Lebenswandel etwas „normalisiert”, außerdem hat sie beschlossen, mit ihrem Frauenarzt zu sprechen, ob er nicht etwas wüsste, was man denn so tun könne, um eventuell doch noch zu Kindern zu kommen. Bis auf die Gefahr von Zwillingen, Drillingen, Vierlingen (oder noch höheren Kombinationen) kann er ihr zu nichts anderem als einem bestimmten Hormonpräparat raten (das wird dann den zweiten Roman sehr unterhaltsam gestalten).

Wahnsinn! Die Inhaltszusammenfassung ist fast genauso lang geworden wie das eigentliche Buch. Dennoch kann ich es von Herzen empfehlen, jede Seite ist ein neuer Genuss, frisch aus Absurdistan.

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Never change a running system

Vor ca. fünf Jahren (2007) brachte Apple eine sog. Set-Top-Box namens AppleTV heraus. Dieses Gerät war eigentlich nichts anderes als ein iTunes-Frontend, also ein sehr kleiner Computer, auf dem eine leicht abgespeckte Variante des damaligen Mac OS X mit einer einzigen für den Benutzer sichtbaren App – iTunes (bzw. Frontrow) – lief. Zuerst wurde das Gerät in der Apple-Gemeinde mit einiger Zurückhaltung aufgenommen, denn die erste Variante bot nur 40 GB Festplattenplatz (also sehr wenig für Leute wie mich, die allein schon mindestens 120 bis 150 GB Musikdateien haben, Filme verschlingen schnell noch einmal die zehnfache Menge). Doch schon nach kurzer Zeit wurde die erste Hardware-Überarbeitung vorgestellt: AppleTV mit 160 GB Festplatte. Da schlug ich zu und kaufte mir das Gerät für satte 399 €. Keinen Cent davon habe ich je bereut, keinen einzigen!

Seit dieser Zeit ist das AppleTV der zentrale Medienabspieler in unserem Haushalt. Ein DVD-Player wirkt im Vergleich dazu so umständlich, dass dieses Gerät mehr und mehr in Vergessenheit geriet. Eigentlich lief das AppleTV Tag und Nacht, meist ohne eingeschalteten Fernseher (auch wenn ich den Bildschirmschoner tagelang hätte ansehen können). Irgendwann brachte Apple die Remote-App heraus, die eine Steuerung via iPad (oder iPod Touch/iPhone) ermöglichte. Obwohl es immer ein paar Ecken und Kanten bei dieser App gab, befreite sie den Nutzer von dem Zwang, für jeden neuen Musikwunsch oder den Wechsel des Hörbuchs den Fernseher einzuschalten. Sehr schön und überaus praktisch.

Dann kam das AppleTV 2 heraus. Doch die beiden Geräte sind komplett unterschiedlich, denn wo das AppleTV der ersten Generation eine (für damalige Verhältnisse) ausreichend große Festplatte besaß, entsprach das neue Gerät nur noch einer Durchgangsbox für jeglichen Datenstrom von iTunes (also von einem Computer, der dazu im Hintergrund durchweg laufen musste) oder für Daten, die via AirPlay von einem iPad, iPodTouch oder iPhone gesendet wurden. Eigentlich ein geniales Konzept, denn die Festplatte im „alten” AppleTV läuft ja ständig und heizt das Gerät gnadenlos auf (auf der Oberseite kann man ohne Übertreibung nach einem Betriebstag ein Ei stocken lassen). Der Stromverbrauch ist in dieser Zeit um ein Vielfaches höher als bei dem neuen Gerät, das nur noch über 8 GB Flashspeicher verfügt (da gibt es keine beweglichen Teile, die Hitze erzeugen) und eigentlich nur für die Aufbereitung der Daten für das angeschlossene Endgerät zuständig ist.

Da mein aTV 1 noch so gut funktionierte, kaufte ich erst einmal kein neues Gerät. Ich ging aber zu einem lokalen Apple-Laden und bat die Jungs, einfach eine größere Festplatte einzubauen. Für ca. 150 € bekam ich dann 320 GB und den Einbau (inkl. Klonen der 160 GB-Platte mit dem aTV-Betriebssystem auf die neue). Wiederum ein Zug, den ich nie bereuen musste, denn nun habe ich wirklich genug Platz, um auf jeden Fall dauerhaft meine komplette Musiksammlung, alle abonnierten Podcasts und einige meiner Lieblingsfilme auf dem Gerät zu lassen. Alles Weitere kann ich direkt von iTunes auf das Gerät streamen, die Bedienung erfolgt über die kleine AppleRemote oder die Remote-App. Schlicht sensationell.

Irgendwann aber, als das AirPlay-Feature im iPad immer attraktiver wurde (z.B. durch das umwerfende AirPlay-Mirroring), legte ich mir doch ein AppleTV der zweiten Generation zu (bei Amazon gab es die gebraucht für 90 €, die Investition war also nicht gravierend). Auch dieses Gerät hat es mir angetan, doch möchte ich schildern, warum ich aktuell mein „altes” aTV 1 (wieder) bevorzuge.

Das aTV 2 ist ein feines Gerät, so ziemlich alles daran ist komfortabel, keine Frage. Aber (und das ist mal wieder ein großes Aber): Um das Gerät sinnvoll einsetzen zu können, muss mein iMac durchweg eingeschaltet sein. Dadurch verbraucht das aTV 2 an sich zwar weniger Strom als das aTV 1, der iMac benötigt aber wiederum mehr, so dass die Energiebilanz insgesamt also schlechter aussieht. Noch wesentlich bedeutsamer ist jedoch die Tatsache, dass es einen Bug im aTV 2 (und laut diversen Foreneinträgen auch beim aTV 3) gibt, der den Filmstream bei der Benutzung der Privatfreigabe in iTunes immer und immer wieder abreißen lässt.

Ich kann gar nicht zum Ausdruck bringen, wie lästig es ist, nach drei Minuten Film darauf hingewiesen zu werden, dass ich ich nun endlich die Privatfreigabe in meinen Rechner aktivieren solle. Was dem Gerät aufgrund des Bugs nicht mehr bewusst war: Ohne diese Privatfreigabe hätte ich den Film ja gar nicht starten können. Daran kann es eigentlich nicht liegen. Dennoch vergisst das aTV 2 dies anscheinend noch während des Streamens, nach dem zweiten oder dritten Filmabbruch vergeht einem dann die Lust – so landeten bei uns wieder mehr DVDs im Player.

Am unangenehmsten an dieser Situation ist, dass man als Apple-Nutzer nicht an solche Pfuschereien gewöhnt ist – oder dass der Pfusch sehr schnell behoben wird. Dieser Bug besteht nun aber schon seit dem ersten Erscheinen der zweiten Generation des AppleTV. Es gab auch schon ein paar Software-Updates, beim letzten (April/Mai 2012) wurde explizit ein Bugfix für die Privatfreigabe genannt. Geholfen hat es nichts. Der einzige Weg, ganz und gar ungestört einen Film über dieses Gerät anzusehen, ist der folgende: Mittels der Remote-App kann man nicht nur das aTV steuern, man kann auch direkt auf iTunes auf dem iMac zugreifen – und dort einen Film starten, den man dann aber nicht über den Computer ausgeben lässt sondern über das aTV 2. Das funktioniert tadellos, ist aber halt aufgrund der Umständlichkeit nicht typisch für Apple-Produkte (noch dazu macht es die mitgelieferte Fernbedienung völlig nutzlos).

Vor einer Woche nun reaktivierte ich mein aTV 1, ein wahrhaft nostalgisches Gefühl. Und es fühlt sich gut an, denn nun muss kein Rechner dauerhaft im Hintergrund laufen, das aTV hängt an einer separat abschaltbaren Steckdose, abends fahre ich das Gerät in den Ruhezustand und schalte den Strom ab. Kein Problem. Und dank der Festplatte läuft alles ohne Zicken aufgrund der Privatfreigabe – hmmmm, ein Genuss! Lustigerweise kann ich hier auch mittels der Remote-App Filme vom iMac streamen, so es denn nötig wird, weil der Film noch nicht auf der Festplatte gelandet ist…

Mein aTV 2 wird dadurch nicht überflüssig, denn einige meiner Meinung nach sehr angenehme Dinge – wie das oben bereits erwähnte AirPlay-Mirroring (also das Spiegeln des iPad-Bildschirms auf den Fernseher) – gehen halt nur mit dem neueren Gerät. Für den alltäglichen Musikgenuss ist das aTV 1 jedoch eindeutig wieder im Vorteil, da ich nach dem anfänglichen Synchronisieren eine weitgehende Unabhängigkeit von meiner iTunes-Mediathek auf dem Computer habe.