Archiv für den Monat Februar 2012

Tabula rasa

Sieben (Dogmartyrium)

Am 9. Januar 2012 habe ich meine jüngste Komposition – „Sieben (Dogmartyrium)“ – bei meinem Auftraggeber, der Stadt Schwäbisch Gmünd, abgegeben. Das Stück wird am 19. Juli 2012 im Rahmen des Festivals Europäische Kirchenmusik im Gmünder Münster uraufgeführt. An diesem Stück hatte ich fast ein Jahr gearbeitet – zuerst wochenlang nur im Kopf, dann stunden-, tage- und wochenlang ganz praktisch.

Im Verlauf einer so langen und überaus intensiven Beschäftigung mit der Thematik entsteht in mir fast immer diese aus den alten Bud Spencer- (der in der Stadt Schwäbisch Gmünd ja auch für einigen Wirbel gesorgt hat) und Terence Hill-Filmen bekannte Hass-Liebe: Einerseits ist man froh, so weit gekommen zu sein, so viele Gedanken mehr oder weniger strukturiert auf das (wenngleich virtuelle) Papier bekommen zu haben, eine künstlerische Idee nicht nur gehabt sondern bis ganz zum Ende hin verfeinert zu haben. Andererseits geht mir die Arbeit dann gelegentlich auch gehörig auf die Nerven. Vor allem zum Ende hin verstärkt sich dieser Eindruck manchmal (aber ich könnte wetten, nicht der einzige Komponist zu sein, dem es so ergeht/erging).

Interessanter als diese emotionalen Auswirkungen des langen Arbeitsprozesses, der natürlich nicht kontinuierlich sondern in einigen geballten Arbeitsphasen voller Intensität verlief, ist aber die Frage, wie ich zu Beginn an diese Arbeit gegangen bin. Das Musical „Die Leichenbraut“ konnte ich anhand der Texte verhältnismäßig leicht schreiben, denn ich hatte durch die Textstruktur ja auch schon eine grobe Vorsortierung, einen Sprachrhythmus, eine Rahmenhandlung und dergleichen mehr. Genau diese hilfreichen Elemente lagen mir nur bruchstückhaft oder unausgegoren vor, als ich an die Arbeit zu „Sieben“ ging (den Titel gab es da auch noch nicht, der entstand tatsächlich erst einen Tag, bevor ich den letzten Takt komponierte).

Um vernünftig in den eigentlichen musikalischen Schaffensprozess starten zu können, trat ich mit meiner Frau in Verhandlungen. Sie war extrem entgegenkommend und nahm unsere drei Kinder über ein Wochenende mit zu ihren Eltern, so dass ich zwei Tage völlig für mich allein werkeln konnte. Und diese Zeit habe ich genutzt. Alles, was in dieser Zeitspanne entstand, ist bis zur Abgabe im Werk verblieben, jede einzelne Note! Viel anderes Material wurde im Verlauf der Arbeit gleich wieder aussortiert und gelöscht.

Kaum war ich allein in der Wohnung, stellte ich neben meinem Computer-Tisch das E-Piano auf. Auf diese Weise konnte ich mich zum Ausprobieren ans E-Piano drehen. War der Einfall gut und hielt meiner wiederholten Kontrolle stand, so drehte ich mich einfach nur auf meinem drehbaren Bürostuhl zum iMac um und konnte dort sofort die Noten in Sibelius eingeben. Die kaum vorhandene Zeitverzögerung erlaubte mir, viele spontane Gedanken festzuhalten. Wenn dann nach einigen Minuten die Ideen spärlicher sprudelten, ging es an die jeweilige Verarbeitung. Zum Glück war da dann ja schon alles notiert…

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Kreativität

Erste Partiturseite der „Leichenbraut“

Von 2008 bis 2009 habe ich ein Musical mit dem Titel „Die Leichenbraut” komponiert, das im Sommer 2009 an unserer Schule uraufgeführt wurde. Schon über ein Jahr vorher hatte mich ein (mittlerweile ehemaliger) Kollege angesprochen, ob ich Lust hätte, mit ihm gemeinsam die Sache zu stemmen — uns beiden war klar, dass es wahnsinnig viel Arbeit werden würde. Nach einigen weiteren Vorbesprechungen ging es los, er traf sich mit einer kleinen Horde beigeisterter Schüler und lieferte mir ungefähr im Wochenrhythmus neue Texte, ich sah sie durch, sortierte sie um und „bastelte“ nach und nach die dazu passenden Musikstücke.

Es dauerte natürlich ziemlich lange, da man so ein Mammutprojekt (es ging ja um insgesamt ca. 60 Minuten Musik) bei einer vollen Stelle mit Unterricht, Nachmittags-, Abend- und Wochenenddiensten und dergleichen nicht „einfach nebenher” erledigen kann. Im August 2008 war das erste Stück, die Titelnummer, fertig, die letzten Takte komponierte ich in den Osterferien 2009 — zusammen also ca. acht Monate.

Über die letzten Jahre hinweg habe ich meine eigene Arbeitsweise in vielen unterschiedlichen Situationen beobachtet, mittlerweile weiß ich, dass ich an kreativen Projekten einfach nicht kontinuierlich arbeiten kann. Ein tägliches Pensum darauf zu verwenden, widerstrebt mir innerlich zutiefst. Ich brauche vielmehr einige wenige, dafür aber extrem intensive Durcharbeitephasen, in denen ich mich in mein Arbeitszimmer zurückziehe, nicht gestört werden darf und einfach nur die Ideen, an denen es glücklicherweise nicht mangelt, ausarbeiten kann.

Dieser letzte Punkt ist meines Erachtens der langwierigste, schwierigste, oft zäheste und somit unangenehmste Teil der Arbeit – die Ergebnisse bedeuten mir aber auch mehr als jene, die mir „einfach so zufliegen”. Deshalb ist die intensive und ununterbrochene Arbeit ja so wichtig: Würde ich nur alle zwei Tage für 30 Minuten komponieren wollen, käme dabei kaum etwas heraus. Wenn ich mich an ein Stück setze, dann wird es am besten, wenn ich morgens anfange, mittags fast alles fertig habe und über den Nachmittag die „Ecken abrunde“. Durch das stringente Durcharbeiten erhält das Stück einen unglaublich starken inneren Zusammenhang, denn über diese Zeitspanne kann ich die Stimmung des Stücks in mir am „Schwingen“ halten. Einmal darüber geschlafen, puff! Weg ist sie!

Für mich zählt dabei vor allem der Fluss eines Stückes, dieser darf nicht behindert werden. Gerade an Übergängen zwischen Abschnitten verbringe ich die meiste Zeit. Und aus diesem Grund höre ich mir das Stück in Sibelius (das ist das Notensatzprogramm, mit dem ich seit über zehn Jahren arbeite) immer wieder an, oft von ganz vorne, wenn es dann länger ist, nur noch abschnittsweise.

Ich kann nicht in den Kopf eines Nicht-Musikers hineinsehen. Doch wenn der Fluss für mich stimmt, dann gehe ich einfach immer davon aus, dass auch jemand, der das Stück nicht schon zum zweihundertsten sondern zum ersten und vielleicht einzigen Mal hört, sich „einschwingen“ kann. Je mehr Brüche und stilistische Unverträglichkeiten man als Komponist stehen lässt, desto mehr verbaut man den Zuhörern den Weg „in das Stück hinein“.

 

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Vorhang auf!

Noch ist der Vorhang geschlossen. Ich schleiche zur Mitte der Bühne und werfe einen Blick zwischen den beiden Stücken des schweren Vorhangstoffes hinaus. Just in dem Moment kommt irgend jemand, den ich weder sehen, hören noch riechen kann, auf die urkomische Idee, den Vorhang aufzuziehen, so dass ich – unvorbereitet und unwillig – ganz allein in all meiner Pracht im Rampenlicht stehe. Schrecksekunde! Schwellenpädagogik! Zum Glück gleitet mein Blick sogleich über Reihen leerer Stühle, der Saal ist noch völlig leer. Wen wundert es? Um diese Uhrzeit? Puh! Schwein gehabt! Na, wenn ich den Scherzbold erwische…

Ja, ich habe mir einen gänzlich neuen Benutzernamen zugelegt: Solera1847. Die Gründe dafür sind ganz einfach:

(a) Mein voriger Benutzername verwendete das Kürzel der Schule, an der ich aktuell noch arbeite. Ich schreibe hier aber als Privatperson. Um eine ganz klare Trennung vorzunehmen, war dieser Schritt zwingend notwendig.

(b) Die Neugestaltung des Benutzernamens geht sogar noch weiter, denn Solera1847 enthält keinen direkten und für jeden Fremden ersichtlichen Bezug zu mir. Es taucht kein Bestandteil meines Namens darin auf – und das ist gut so.

(c) Der Solera 1847 von Gonzalez Byass (siehe Bild oben) ist ein ganz und gar exzellenter Sherry, ein sog. Oloroso dulce. 2007 habe ich ihn auf einer Studienreise durch Andalusien kennen und lieben gelernt. Seinen herrlichen Geschmack verbal zu beschreiben ist zwar ein netter Zeitvertreib, er führt aber faktisch zu nichts, also lasse ich es. Probieren ist angesagt!

In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten werde ich hier einige meiner Gedanken über Kreativität zu „Papier“ bringen. Jeder Leser ist mir willkommen, sogar die unwillkommenen.